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Marktbericht April 2019

Für nicht angemeldete Nutzer steht als Leseprobe ein Teil des ersten Kapitels zur Verfügung. Sollten Sie Interesse an unseren kompletten Marktberichten haben, kontaktieren Sie uns bitte unter marktforschung@heinze.de.

Allgemeine Wirtschaftsentwicklung

Internationale Konjunktur

Wettlauf der Prognosen

In der Entwicklung von Prognosen gibt es wiederkehrende Muster. Wenn es nach einem Umbruch raufgeht, ziehen die Experten auf die Überholspur rüber und überbieten sich gegen­seitig mit positiven Prognosen. Geht es runter, bremsen sie sich gegenseitig aus. Wir sind gegenwärtig in der letzteren Phase. Am Anfang des Jahres ging der IWF noch von einem weltweiten Wachstum in Höhe von +3,5% aus. Inzwischen liegt das Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW) bei +3,3% für 2018. Im laufenden Jahr wie auch für 2020 wird es dabei bleiben. Das dürfte eine Prognose unter der Annahme eines "weiter wie bisher" sein.

Wettlauf der Systeme

Die Welt organisiert sich aber derzeit unter den Bedingungen knapper werdender Entwicklungsmöglichkeiten neu. Das rückt die Verteilungskämpfe in den Vordergrund. Erforderlich wären intelligente Lösungsvorschläge mit konstruktiver Suche nach Kompromissen. Es fehlt allerdings derzeit sowohl am globalen Intellekt wie auch an der Kompromissbereitschaft.

Rezession droht

Von einer Rezession darf keiner sprechen, weil es sie herbeifüh­ren könnte. Die Politiker predigen Nationalismus und die Unter­nehmen ziehen sich immer mehr auf den Heimatmarkt zurück. Die ausländischen Direktinvestitionen sind weltweit um nahezu ein Fünftel eingebrochen. Es ist schon bedenklich, wie die italie­nischen Nationalisten gerade ihre Volkseele für ein paar Silber­linge an China verscherbeln, osteuropäische Staaten das alte Sowjetregime in Eigenregie neu installieren und die Briten in der Wiege der Demokratie im Parlament ein unfassbares Schauspiel veranstalten. Mit anderen Worten: die Situation könnte besser sein. Kommen wir damit wieder zu den Fakten, soweit sie noch erkennbar sind.

Zum konjunkturellen Überblick

Das weltwirtschaftliche Wachstum wird sich weiter abschwä­chen. Dies führt zu einer Schwächung der Exporte und durch den wachsenden Wettbewerb zu einem stärkeren Importdruck. Die monetäre Kehrseite der Realwirtschaft kehrt sich somit ins Posi­tive um. Die Rohstoffpreise dürften - von Sondereffekten abge­sehen - in den folgenden zwei Jahren stabil bis leicht rück­läufig sein. Die Wechselkurse werden als weitgehend stabil er­wartet. Die Zinswende ist auf den Sankt Nimmerleinstag ver­schoben.

Die deutsche Binnenkonjunktur steht demgegenüber recht robust da. Insbesondere wird sie durch den privaten Verbrauch gestützt und auch durch staatliche Maßnahmen zur Stärkung der Konjunktur. Lediglich die Investitionen entwickeln sich auf­grund von Unsicherheit und geringen Wachstumschancen ver­halten. Die Preisentwicklung verharrt auf niedrigem Niveau.

Von negativen weltwirtschaftlichen Erwartungen über eine mo­derat positive Entwicklung der Binnenkonjunktur reicht das Spektrum bis zu einer weiterhin stark expandierenden Baukon­junktur. Zwar wird der Wirtschaftsbau in die Rezession fallen, doch kann dies durch den Wohnungsbau und den öffentlichen Bau kompensiert werden. Zudem stehen immer noch große Potenziale im Bereich der Gebäudemodernisierung aus, die bisher aufgrund der starken Neubautätigkeit zurückgedrängt wurden.

Preise für Industrierohstoffe

Nachdem der Ölpreis Anfang Februar kurz die Marke von 50 $/b touchierte, hat er sich inzwischen wieder oberhalb von 60 $/b stabilisiert. Die Mitglieder der OPEC hatten im Januar ihre Ölproduktion um rund -2,5% reduziert. Damit konnte ein weiterer Absturz des Ölpreises verhindert werden. Allerdings sind der OPEC bei der Preispolitik Grenzen gesetzt. Die USA stehen mit riesigen Mengen an Schieferöl bereit, um Marktanteile zu über­nehmen. Zudem ist zu erwarten, dass die Nachfrage im konjunk­turellen Abschwung zurückgeht. Das IfW geht in seiner Progno­se bis 2020 von einem Ölpreis zwischen gut 60 $/b und knapp 70 $/b aus.

Die Preise für Eisenerz sind hingegen seit Beginn des Jahres 2019 von gut 60 $/t auf über 80 $/t angestiegen. Hintergrund ist der Dammbruch Ende Januar bei einer Eisenerzmine des größ­ten Produzenten Vale in Brasilien. Der kurzfristige Ausfall konnte kompensiert werden, doch dürfte dies zu einer Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen und Kostensteigerungen führen. Sol­che Sondereffekte sind im Rohstoffbereich immer möglich, än­dern aber nichts an der Grundtendenz.

"Im Februar stieg der HWWI-Rohstoffpreisindex in Dollar um +3,0% gegenüber dem Vormonat. Der HWWI-Rohstoffpreis-index notierte im Februar 2019 bei 116,7 Punkten und damit um 4,0% niedriger als im Februar 2018. Die Preise für Industrieroh­stoffe stiegen im Februar deutlich um +7,9%. Die Steigerung des Index ohne Energie betrug +4,8%. Der Teilindex stieg auf 111,7 Punkte. Die Preise für Erdgas und Kohle sanken. Der Index für Nahrungs- und Genussmittel stieg um +1,7%. Palmöl verteuerte sich um 12,4%." (HWWI-Rohstoffpreisindex).

Die Entwicklung des Palmölpreises kann auch als Vorbote von umweltbedingten Preissteigerungen gesehen werden. Eine anhaltend hohe Nachfrage stößt auf die Erwartung sinkender Palmölbestände, da die Umwandlung von Waldbeständen in Palmölplantagen zunehmend begrenzt wird.

USA: "heißer Füller"

Angesichts der ausladenden präsidialen Unterschrift zum Erlass von Strafzöllen steht die Qualität des Füllfederhalters ganz im Gegensatz zum Handelsergebnis. Das Handelsdefizit der Verei­nigten Staaten stieg im Jahr 2018 auf den höchsten Wert seit zehn Jahren. Die Importe übertrafen die Exporte um 621 Mrd. USD. Die genialen Steuersenkungen haben die Binnennachfra­ge in einer Phase der Hochkonjunktur zusätzlich angeheizt und damit erhebliche Importe ausgelöst. Gleichzeitig reduzierten der starke US-Dollar und der Handelsstreit die Exporte. Unter nor­malen Umständen dürfte man eine Korrektur erwarten, doch nichts ist in dieser Zeit normal. Er würde den Europäern "die Hölle von Strafzöllen" verhängen, sofern diese bei den Agrarzöl­len nicht nachgeben werden. Da zeichnet sich ein neuer Hände­druckwettkampf mit Macron ab. Strafzölle seien schließlich "das beste Verhandlungsinstrument in der Geschichte der USA". Zu Beginn der Amtszeit von Donald Trump lagen einjährige Zins­papiere noch um 148 Basispunkte unter dem Wert zehnjähriger Anleihen. Die Renditedifferenz hat sich inzwischen auf 20 Basispunkte verringert. Die Umkehrung der Zinsstrukturkurve ist das verlässlichste Maß, das Ökonomen haben, um den Eintritt einer Rezession vorherzusagen. Seit 1960 ist eine solche Ver­schiebung der Zinsstrukturkurve jeweils etwa ein Jahr der Rezession vorausgegangen.

Die Zuwachsrate wird 2019 noch bei 2,1% (zuvor: +2,5%) liegen und 2020 auf 1,8% (zuvor +1,9%) weiter zurückfallen. Das ist zwar noch keine Rezession, aber es ist ja auch noch reichlich Tinte im Füllfederhalter.

Die amerikanische Notenbank wird vorerst keine Zinserhöhung mehr vornehmen und hat auch den Abbau der Bilanzsumme (Wertpapierkäufe) gestoppt. Zwar nahm der amerikanische Notenbankchef Powell den Anlegern die Angst, dass die Zinsen steigen könnten, gleichzeitig wirkte er aber so pessimistisch, dass er ihnen mehr Angst als Hoffnung einflößte. Er räumte ein, dass das Wachstum schneller als erwartet zurückging und es in diesem Zyklus keine Zinserhöhungen mehr geben wird. Mit anderen Worten: "The party is over."

In seiner mittelfristigen Prognose bis 2023 geht das IfW davon aus, dass sich das Wachstum bei +1,7% stabilisieren wird. Damit läge das Wachstum ab 2020 leicht hinter dem Wachstum der Produktionskapazitäten. Damit nimmt man an, dass es nicht zu weiteren Fehlentwicklungen in der Weltwirtschaft kommen wird.

Lateinamerika

Brasilien ist das mit Abstand wichtigste Land für die wirtschaft­liche Entwicklung in Lateinamerika. Im Vergleich zu den meisten "Emerging Markets" steht das Land relativ solide da. Die Land­wirtschaft und der Bergbau gleichen mit ihren Dollareinnahmen aus den Exporten die Leistungsbilanz weitgehend aus und sorgen für volle Devisenkassen. Die Auslandsverschuldung ist rela­tiv gering und mit Devisenreserven von 400 Mrd. Dollar ist Brasi­lien sogar Dollargläubiger des Weltfinanzsystems. Dennoch sind die Finanzmärkte nervös, denn keiner weiß so recht wohin der neue Präsident Bolsonaro steuert. Statt den unerledigten Reformstau in Angriff zu nehmen, nimmt der Präsident Paraden ab und verteilt Orden. Das Regierungssystem besteht jedoch aus fachkundigen Technokraten. Somit hofft man auf deren Reformanstöße und positive Wirkung auf das Wachstum. Das könnte klappen, wenn der Präsident sich weiterhin aus der Wirt­schaftspolitik heraushält und sich so weltbewegenden Fragen widmet, wie der zersetzenden Kraft des Sexualkundeunterrichts an Schulen auf die Familienbande.

Argentinien befindet sich nach wie vor in der Rezession. Durch den erneuten Anstieg der Staatsverschuldung reagierten die internationalen Kapitalmärkte besonders sensibel auf die Straf­fung der Geldpolitik in den USA. Höhere Zinsen im sicheren Dollarhafen führen dazu, dass die Anleger ihr Geld aus unsiche­ren Märkten abziehen. Positive Impulse werden nach der extre­men Dürre des Jahres 2018 von einer Normalisierung der land­wirtschaftlichen Produktion und den daraus folgenden Export­zuwächsen erwartet.

Sorgenkind des Kontinents bleibt Venezuela. Venezuela ist das Land mit den größten Erdölreserven (47,3 Mrd. t) der Welt und liegt damit noch deutlich vor Saudi-Arabien (36,6 Mrd. t). Das kann aber auch ein Problem sein, denn das Land gerät aufgrund milliardenschwerer Investitionen aus Washington, Moskau und Peking zunehmend in eine Pattsituation.

Somit beinhaltet die Verdopplung der Wachstumsrate von +1,1% im Jahr 2019 auf +2,2% für Südamerika insgesamt im Jahr 2020 noch sehr viel unsichere, positive Erwartungen.

Subsahara wächst kräftig

Die Subsahara Region entwickelt sich immer stärker zu einem bedeutenden Wirtschaftsmotor für Afrika. Der internationale Währungsfonds prognostizierte im Oktober für 2019 ein Wachs­tum von +3,8%. Spitzenreiter ist Äthiopien mit einem Wachstum von +8,5%. Es folgen Länder mit Wachstumsraten von sieben Prozent und mehr. Hierzu gehören Ruanda, Ghana und die Elfenbeinküste. Laut Weltbank wird die Region auch weiter in dem Umfang wachsen. Das Wachstum wird durch drei große Faktoren angetrieben: ein Anstieg der Rohstoffpreise, einen besseren Zugang zu und mehr Vertrauen von den Kapitalmärk­ten sowie eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft. Die Kehrseite des hohen Wachstums ist eine wachsende Schulden­last. Es mangelt vor allem an einem funktionierenden Steuersys­tem.

China stärkt die deutsch-französische Achse

Die chinesische Sprache klingt oft blumiger als ihr Inhalt ist. So ließ Xi Jinping in Paris verlautbaren, dass man vom Eiffelturm eine schöne Aussicht habe, aber die Dinge der Welt doch von einer etwas höheren Warte betrachtet werden müssten. Mit an­deren Worten: Europäer zieht die Nase aus der Furche. Die hat­ten diesmal nicht nur Absatzmärkte im Auge, sondern endlich verstanden, dass China dabei ist, Europa zu spalten und zu sei­nem vorgelagerten Herrschaftsraum zu gestalten. Es ist der Verdienst von Macron und Merkel klare Worte dafür gefunden zu haben, dass eine Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn sie europäische Werte und Souveränität achtet. Bleibt zu hoffen, dass die europäischen Wackelkandidaten das auch so sehen und nicht nur chinesischem Geld nachlaufen, weil sie nicht in der Lage sind ihre Probleme selbst zu lösen.

Wachstum unter sechs Prozent

Lag der Index der Verbraucherzuversicht im IV. Quartal 2017 in China noch bei 105,1 Punkten, so fiel er zum Ende des Jahres 2018 auf pessimistische 99,4 Punkte. Vor allem zunehmende Sorgen um Arbeitsplätze und Einkommen veranlassen die Chinesen ihre Ausgaben zu kürzen. Der private Verbrauch macht in China zwei Drittel des Wirtschaftswachstums aus. Fal­lende Immobilienpreise beunruhigen die Bürger zusätzlich. Der Konsum dürfte 2019 weiter zurückgehen. Die chinesische Notenbank will die Finanzierungskosten für kleine Unternehmen senken, um Konkurse zu verhindern. Die Regierung verspricht finanzielle Anreize für den Kauf von Waschmaschinen und Autos. Das dürfte die Verschuldung und damit eines der größten Probleme der chinesischen Wirtschaft weiter verschärfen. Das IfW geht von einer Abschwächung des Wachstums auf +5,8% für 2020 aus. In seiner Mittelfristprognose sieht es bis 2023 eine weitere Abschwächung auf etwa +5,3%. Angesichts des größe­ren Bruttoinlandsproduktes bedeutet dies in absoluten Werten jedoch keinen Rückgang der absoluten Zuwächse. Da auch die Statistik in China der Parteidisziplin unterliegt, gehen Experten jedoch davon aus, dass das tatsächliche Wachstum um ein bis zwei Prozent niedriger liegen dürfte. Der Riese protzt mit seiner Kraft, um seine Schwächen zu verbergen.

Südostasien: Stabilitätsanker

Die Wirtschaft der südostasiatischen Schwellenländer wuchs im Vergleich zum Vorjahr um +5,1%. Die wirtschaftliche Expansion wird durch einen schwächeren Außenhandel gebremst, der vor allem durch nachlassende Nachfrage aus China verursacht wird. Im Vergleich zu anderen Regionen bleibt die Expansion aber kräftig. Insgesamt wird eine Abschwächung des Wachstums des asiatischen Raumes von +6,1% auf +5,9% erwartet.

Staatsbankrott im Land der Goldpaläste

Mit Saudi-Arabien gerät eines der reichsten Länder der Erde immer tiefer in die Krise. Ein deutlich abgesackter Ölpreis, eine strategische Absenkung der Ölförderung und hohe Arbeitslosig­keit belasten die Wirtschaft des Landes. Seit der Verhaftung von 200 Unternehmern, Ministern, Ex-Politikern, Militärs und Prinzen im November 2017 und erst recht seit dem Mord von Istanbul ist das Vertrauen in die Führung des Landes stark angekratzt. Ver­zweiflungstaten wie die Verpflichtung von kleinen und mittleren Unternehmen saudische Mitarbeiter einzustellen, führen zu wei­teren Unternehmensschließungen, weil es einfach nicht genü­gend ausgebildete saudische Fachkräfte gibt, die tatsächlich arbeiten wollen. Die Staatsausgaben steigen kräftig an, weil das Volk bei Laune gehalten werden muss. Sollte der Ölpreis kolla­bieren, droht dem Land ein Staatsbankrott, denn die üppigen Währungsreserven könnten schnell dahinschmelzen.

Die Revolution frisst ihre Kinder

40 Jahre nach der islamischen Revolution haben ihre Führer ein milliardenschweres Wirtschaftsimperium aufgebaut, während viele Iraner so arm sind wie zu Zeiten des Schahs. Korruption gab es auch zu Zeiten des Schahs, aber nach Meinung des Exil-Iraners Nirumand waren das kleine Taschendiebe im Vergleich zu denen, die heute die Macht ausüben. Transparency Internati­onal listet den Iran als Nummer 138 (gleichauf mit Russland) von 180 wegen Korruption untersuchter Staaten. Die iranische Wirtschaft leidet unter der eigenen Misswirtschaft weitaus stär­ker als unter den Sanktionen.

"Baufrieden" oder illegale Häuser

Illegal errichtete Gebäude konnten in der Türkei keine Eigen­tumsurkunde erhalten. Ohne Grundbucheintrag gab es häufig auch keine legale Grundlage für einen Anschluss von Wasser, Strom und Gas. Dies wird nun nachträglich durch das Programm "Baufrieden" legalisiert. Derzeit sind Kommunalwahlen und die Regierungspartei AKP hatte zuletzt an Rückhalt verloren. So reicht es, auf einer eigens eingerichteten Internetseite der Regierung die Fläche der Gebäude und die Zahl der Stockwerke anzugeben und schon bekommt man die Gebühren für eine nachträgliche Genehmigung per Grundbucheintrag angezeigt. Die Gebühren dafür spülten ganz nebenbei 2,8 Mrd. € in die Haushaltskasse. Erdbebengefahr oder der Einsturz eines Wohnhauses in Katal im Jahr 2018, das illegal um drei Etagen aufgestockt wurde, ist alles kein Problem, wenn es um den Machterhalt des Sultans geht.

Italienische Verhältnisse

Nun könnte man meinen, das sei ein arabisches Phänomen. Aber auch Silvio Berlusconi war in Italien ein König der Bau­amnestien. Schwarzbauten sind in Italien eine Art Volkssport. Ganze Häuser ohne Genehmigung zu bauen, aufzustocken, aber auch das heimliche Vergrößern der Wohnung gelten bis heute als Kavaliersdelikte. Nach dem jüngsten Bericht des Sta­tistikamtes Istat sind 19,2% aller Bauten illegal errichtet worden. Wie üblich ist das Problem im Süden größer, aber selbst wenn der Abriss von Behörden angeordnet wird, passiert wenig. Die Italiener haben Berlusconi für seine Amnestien geliebt und so traut sich kaum eine Regierung das Problem wirklich anzuge­hen. Der Einsturz der Brücke in Genua war nach Meinung der Populisten auch die Schuld der EU wegen ihrer Sparpolitik. Das kommt gut an. Bei der Argumentation hatte man ganz überse­hen, dass die Brücke privatwirtschaftlich betrieben wurde. Der Unternehmerdynastie Benetton gehören wesentliche Anteile der Betreibergesellschaft der eingestürzten Brücke. Die Pflege der Autobahn wurde über Jahre systematisch vernachlässigt. Doch weil die Familie politisch gut vernetzt ist, schwiegen die politisch gut vernetzten Medien das Thema tot.

Der Segen der Regeln

Man muss ja nicht alles so durchregulieren wie in Deutschland und die EU hat an der einen oder anderen Stelle auch schon überreguliert. Das Gute am Brexit ist jedoch, dass er uns gerade vor Augen führt, was der überwiegende Teil dieser Regeln leis­tet. Mit den Regeln verhält es sich wie mit der Gesundheit. Wir benutzen sie und profitieren von Ihnen, ohne dass uns die meis­ten davon bewusst sind. Erst wenn sie wegfallen, erkennen wir ihren Nutzen. Wer hat in jüngster Zeit nicht über die DSGVO geschimpft und ohne Zweifel ist sie mit großem Aufwand und erheblichen Kosten verbunden. Wer aber hat sich dabei darüber Gedanken gemacht, dass die GAFAs (Google, Amazon, Face­book, Apple) dabei sind, unsere Wahrnehmung in Besitz zu nehmen und uns zu Datenlieferanten und Konsumgesteuerten zu machen. Wen wundert es da noch, dass die GAFAs - die keinen Cent für die Infrastruktur bezahlen, die sie nutzen - die Straße mobilisieren, wenn die EU eine Urheberrechtsreform beschließt. Das Internet kann kein rechtsfreier Raum sein, wenn es zunehmend unser Leben beeinflusst. Es geht nicht um die Freiheit der GAFAs, sondern um die Freiheit des Individuums.

Regeln sind immer auch Kompromisse und man kann alles bes­ser machen, aber die EU ist derzeit die einzige Region, in der die drängenden Probleme der Zeit überhaupt angegangen wer­den.

Osteuropa: Wachstum schwächt sich ab

Der Aufschwung der Länder Mittel- und Osteuropas ist im Wesentlichen ein Ergebnis ihrer Mitgliedschaft in der EU und der großzügigen Fördermittel, die sie erhalten haben und immer noch erhalten. Das hält manche Staaten nicht davon ab, die Hand, die sie füttert und sichert, breitbeinig zu beißen, weil sie lieber den alten Sowjetstaat unter eigener Regie wiederbeleben möchten, statt sich an die europäische Wertegemeinschaft zu halten.

Die wirtschaftliche Dynamik in den Ländern Mittel- und Osteuro­pas ist weiterhin kräftig. doch schwächt sich das Expansions­tempo ab. Die Investitionen sind deutlich zurückgegangen. Auf­grund der zunehmenden Arbeitskräfte-knappheit sind die Löhne kräftig gestiegen und mit ihnen bleibt der private Verbrauch robust. Die Inflationsrate wird sich daraufhin etwas beleben und bei gut zwei Prozent liegen. Das Wachstum wird sich von +3,2% im laufenden Jahr auf +2,8% im Jahr 2020 zurückbilden.

Euroraum

Das Wachstum im Euroland hat sich nochmals deutlich verlang­samt. Ging das IfW in der letzten Prognose für 2019 noch von +1,7% aus, so erwartet es nun nur noch +1,2%. Die Prognose des Zuwachses für das Jahr 2020 verharrt bei +1,5%. Man möchte schließlich nicht zu viel auf einmal ändern. Die OECD ist skeptischer und erwartet für 2019 nur noch ein Wachstum von 1,0%. Es könnte auch noch schlimmer kommen, wenn die Handelskonflikte weiter eskalieren, die weltwirtschaftliche Ent­wicklung schwächer ausfällt als erwartet und die politischen Risiken in Europa größer werden. Auch die EZB blickt skeptisch auf die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum. Sie geht jetzt von einem Wachstum von +1,1% für den Euroraum im laufen­den Jahr aus. Für 2020 erwartet sie ein Wachstum von +1,6% und für 2021 von +1,5%. Auch die Inflationsprognosen wurden auf +1,2% für 2019, +1,5% für 2020 und +1,6% für 2021 ge­senkt. Die Aussage des Notenbankchefs Draghi, dass die Zin­sen mindestens bis 2019 nicht angehoben werden, dürfte eher eine vorsichtige Einschätzung sein. Die Märkte rechnen inzwi­schen erst Ende 2020 mit einer ersten Zinserhöhung. Dies un­terstellt zumindest eine moderate Belebung der wirtschaftlichen Entwicklung. Überalterte Gesellschaften tendieren zu niedrigen Zinsen. In Japan lag der Leitzins der Notenbank seit 24 Jahren nicht über 1%. Bei steigender Lebenserwartung und längerer Rentenbezugszeit legen immer mehr Menschen zusätzliches Geld fürs Alter zurück. Das hohe Angebot an Kapital führt auf den Finanzmärkten zu einem sinkenden Kapitalpreis (Zins). Einer Studie der Bank of England zufolge ändere sich an dem hohen aufgebauten Kapitalstock bis 2050 nichts Wesentliches. Aktuell kommen die schwachen Konjunkturaussichten hinzu, so dass der Zins sogar noch weiter sinken könnte. So fiel die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe Ende März wieder unter null Prozent (-0,03%). Investoren zahlen dem Bund also wieder Geld dafür, dass er sich bei Ihnen verschuldet. Die aktuellen Prognosen sind zwar Verhalten vorsichtig, aber preisen die viel­fältigen Krisenszenarien nicht ein. Ein weiterer Rückgang der Zinsen ist somit nicht auszuschließen.

Ländermeldungen: mehr Schatten als Licht

Die EU-Kommission bescheinigte Italien "exzessive makroöko­nomische Ungleichgewichte". Das Land leide unter einer kon­stant niedrigen Produktivität und die Wirtschaft werde dieses Jahr so gut wie nicht mehr wachsen. Umso größer die eigene Unfähigkeit Probleme zu lösen, umso aggressiver erfolgt die Schuldabschiebung an die EU. Das italienische Justizsystem ist nahezu handlungsunfähig. Für Firmen ist es kaum möglich, For­derungen in erträglicher Zeit einzutreiben. In Italien werden nur wenige Unternehmen gegründet. Die Bürokratie und das Steu­ersystem sind extrem wirtschaftsfeindlich. Ein Schuldenabbau ist nicht in Sicht, dafür aber großzügige Wohlfahrtsprogramme. Die EU vermeidet mit Blick auf die Europawahl ein Sanktions­verfahren, denn damit würde sie den Populisten nur eine Steil­vorlage für den Wahlkampf bieten. Die Tragik aber ist, dass das Land eigentlich ökonomisches Potenzial hat. Exportstarke Bran­chen wie Luxusartikel, Mode, Nahrungsmittel, Metallverarbei­tung und Robotik verzeichnen durchaus Zuwächse.

Dass es auch anders geht, zeigt Portugal. Die Linksregierung hatte den Sparkurs abgeschafft und Lohn- und Rentenkürzun­gen zurückgenommen. Demgegenüber wurden Erbschaftssteu­er und Vermögensteuer angehoben und eine Immobiliensteuer eingeführt. Gleichzeitig wurde eine Reihe von wachstumsför­dernden Reformen eingeführt. Die Mehrwertsteuer im Hotel- und Gaststättengewerbe wurde von 23% auf 13% abgesenkt und machte damit das Land als Tourismusziel attraktiver. Zudem wurden zahlungskräftige Rentner angelockt. Sie bleiben zehn Jahre steuerfrei, sofern sie nach Portugal ziehen. In einer wirt­schaftsfreundlichen Raumplanung und Strukturpolitik wurden Auslandsinvestitionen angezogen.

Griechenland konnte im März nach neun Jahren erstmals wie­der eine Anleihe mit zehnjähriger Laufzeit am Markt platzieren. Die Ratingagentur Moody stufte das Land von "B3" auf "B1" her­auf. Das zeigt auch, dass noch viel zu tun ist. Die Schuldentrag­fähigkeit des Landes ist vor allem durch die Schuldenerleichte­rungen der Gläubiger bis mindestens 2038 gesichert.

Das IfW unterstellt in seiner jüngsten Prognose für Großbritan­nien, dass der Austrittsvertrag schließlich doch noch ratifiziert wird. In diesem Falle würde der Zuwachs des Bruttoinlandspro­duktes auf +0,8% zurückgehen und in den kommenden Jahren mit +1,0% mäßig bleiben. Derzeit sieht es aber eher nach einem harten Brexit oder einer langen Hängepartie aus. In beiden Fäl­len dürften die Wachstumsraten deutlich geringer ausfallen. Die EU-Kommission macht immer noch freundliche Angebote, aber während man in Westminster immer noch Abstimmungsübun­gen wie im Studentenwohnheim veranstaltet, haben die Unter­nehmen längst mit den Füßen abgestimmt. Fast jedes dritte bri­tische Unternehmen (29 Prozent) sieht sich wegen des EU-Austritts zu Verlagerungsplänen gezwungen (Umfrage des briti­schen Unternehmerverbands Institute of Directors, IOD).

Fazit: Liebe Leser...

Sollte dieser Bericht etwas politischer ausgefallen sein als üb­lich, so nicht deshalb, weil die Kommentatoren ihre gewohnte Neutralität aufgegeben haben, sondern weil die Unberechenbar­keit der politischen Eliten ein Ausmaß angenommen hat, das zunehmend die wirtschaftliche Ent­wicklung beeinflusst. Noch scheinen in der zweiten Reihe Exper­ten zu stehen, die das Schlimmste zu verhindern wissen, doch bei der wöchentlichen Feuerungsrate im Weißen Haus geht auch dieser Gruppe irgendwann die Puste aus. Ab einem ge­wissen Ausmaß an Ignoranz und Rücksichtslosigkeit wirken noch so gut abgesi­cherte Argumente und Institutionen hilflos. Dadurch wird die wirtschaftliche Entwicklung immer anfäl­liger für Zusammenbrüche. Die reine Darstellung der Daten volkswirtschaftlicher Ent­wicklungen unter der Annahme "Es wird schon gut gehen." ist nicht ausreichend, um ein realistisches Bild des wirtschaftlichen Rahmens zu zeichnen. Die aktuell grassierende Unberechen­barkeit ist eine wesentliche Variable der künftigen Entwicklung.

Allerdings gibt es auch zarte Anzeichen eines neuen Selbstver­ständnisses Eu­ropas. Bleibt zu hoffen, dass sich das bis zur Europawahl am 26. Mai 2019 verstärkt und wir im nächsten Marktbericht wieder etwas optimistischer auf die Welt blicken können.

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